{"id":1239,"date":"2014-05-24T11:08:56","date_gmt":"2014-05-24T09:08:56","guid":{"rendered":"https:\/\/women-in-exile.net\/?p=1239"},"modified":"2026-04-22T01:24:25","modified_gmt":"2026-04-21T23:24:25","slug":"abschiebung-einer-5koepfigen-familie-aus-potsdam-im-morgengrauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/women-in-exile.net\/en\/allgemein\/abschiebung-einer-5koepfigen-familie-aus-potsdam-im-morgengrauen\/","title":{"rendered":"Abschiebung einer 5k\u00f6pfigen Familie aus Potsdam im Morgengrauen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/women-in-exile.net\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/weg-mit-dublin-ii.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/women-in-exile.net\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/weg-mit-dublin-ii-150x150.jpg\" alt=\"weg mit Dublin II\" width=\"150\" height=\"150\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1242\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"hyphenate text\" lang=\"de\">Pressemitteilung der Ausl\u00e4nderseelsorge des Kirchenkreises Potsdam, am 23.05.2014<\/p>\n<p><strong>Abschiebung einer 5k\u00f6pfigen Familie aus Potsdam im Morgengrauen<\/strong><\/p>\n<p>Eine f\u00fcnfk\u00f6pfige Familie aus Tschetschenien wurde am Montagmorgen, den 19. Mai 2014, aus ihrer Potsdamer Wohnung geholt und nach Polen abgeschoben. Die Familie war im Februar 2013 \u00fcber Polen nach Deutschland eingereist und hatte hier versucht, einen Asylantrag zu stellen.<br \/>\nZun\u00e4chst lebte die Familie mit ihren Kindern im Alter von sechs, zweieinhalb und eineinhalb Jahren im Wohnheim an der Alten Zauche in Potsdam. Die \u00e4lteste Tochter besuchte die Weidenhofgrundschule und den Hort, ihr j\u00fcngerer Bruder die Kita Kinderland im Bisamkiez, w\u00e4hrend die j\u00fcngste Tochter noch auf einen Kitaplatz wartete. Anfang dieses Jahres dann durften die F\u00fcnf in eine Wohnung am Schlaatz umziehen. Endlich kam Ruhe in die Familie.<br \/>\nDas war dringend notwendig, denn der Familienvater war wegen der Ereignisse in Tschetschenien in psychatrischer Behandlung im Potsdamer Klinikum. W\u00e4hrend der gesamten Zeit bereitete das eingeleitete Dublin-Verfahren der Familie gro\u00dfe Sorgen. Weil sie, um nach Deutschland zu kommen, durch Polen reisen mussten, forderte Deutschland Polen auf, die Familie zur\u00fcck zu nehmen und ein Asylverfahren in Polen durchzuf\u00fchren.<br \/>\n<strong>Dabei h\u00e4tte Deutschland mit Blick auf die famili\u00e4re Situation der besonders schutzbed\u00fcrftigen Fl\u00fcchtlinge auch selbst den Asylantrag pr\u00fcfen k\u00f6nnen. Dass Fl\u00fcchtlinge in Europa regelm\u00e4\u00dfig zwischen den Staaten hin- und hergeschoben werden, ohne dass ihre pers\u00f6nlichen Umst\u00e4nde eine W\u00fcrdigung erfahren, ist unmenschlich und skandal\u00f6s. <\/strong> <!--more--><br \/>\nF\u00fcr die R\u00fcckschiebung der Familie nach Polen hatte die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde Gelegenheit bis zum 20. Mai 2014. Nach Ablauf dieser Frist w\u00e4re Deutschland automatisch f\u00fcr den Asylantrag zust\u00e4ndig gewesen. In den fr\u00fchen Morgenstunden, einen Tag vor Fristablauf, wurde die Familie von der Polizei aus dem Schlaf geholt. Ohne Vorank\u00fcndigung, ohne die Gelegenheit sich von neuen Nachbarn und Freunden, von Lehrern und Mitsch\u00fclern zu verabschieden, musste die Familie in aller Eile packen. Der Familie lie\u00df man keine Zeit zur Vorbereitung oder Abw\u00e4gung, was wichtig sein kann f\u00fcr die n\u00e4chste, ungewisse Zeit. Ein Gep\u00e4ckst\u00fcck pro Person wurde erlaubt, der Kinderwagen f\u00fcr die J\u00fcngste blieb zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Nachricht von der Abschiebung der Familie hat mich schockiert. Gerade war eine Ehrenamtlerin gefunden, die der \u00e4ltesten Tochter regelm\u00e4\u00dfig Hilfe bei den Hausaufgaben gegeben h\u00e4tte. Fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor waren sie nach Potsdam gekommen, in der Hoffnung, ihre Geschichte erz\u00e4hlen zu d\u00fcrfen, ein faires Verfahren zu erhalten und vielleicht am Ende Schutz zugesprochen zu bekommen. Die Willkommensbeh\u00f6rde hat dagegen die Frist zur Abschiebung voll ausgesch\u00f6pft. Zur\u00fcck bleiben Freunde, Lehrer, Ehrenamtler, die nicht verstehen, warum man Menschen hin- und herschiebt und Kinder erneut entwurzelt. Schnell hat sich die Nachricht von der Abschiebung einer Familie im Morgengrauen unter den Fl\u00fcchtlingen herumgesprochen. <\/p>\n<p>Wie l\u00e4sst sich das mit Willkommenskultur vereinbaren? Als Ausl\u00e4nderseelsorgerin frage ich, warum diese Familie derart \u00fcberfallartig aus ihrem Leben in Potsdam gerissen wurde. Welche Bedeutung wird den Integrationsleistungen dieser Menschen beigemessen? H\u00e4tte man diese Abschiebung angek\u00fcndigt, h\u00e4tten Menschen Solidarit\u00e4t mit der Familie bekundet. Das h\u00e4tte die Abschiebung vermutlich nicht verhindert, aber die Familie h\u00e4tte dennoch Unterst\u00fctzung und St\u00e4rkung erfahren. F\u00fcr Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, sind solche Zeichen der Solidarit\u00e4t und Mitmenschlichkeit essentiell. Viele Menschen in unserer Stadt w\u00e4ren dazu bereit gewesen. Die Form dieser Abschiebung wei\u00df solches zu verhindern.<\/p><\/div>\n<p>Monique Tinney<br \/>\nAusl\u00e4nderseelsorge<br \/>\nGemeindep\u00e4dagogin<br \/>\nEvangelische Kirche in Potsdam<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pressemitteilung der Ausl\u00e4nderseelsorge des Kirchenkreises Potsdam, am 23.05.2014 Abschiebung einer 5k\u00f6pfigen Familie aus Potsdam im Morgengrauen Eine f\u00fcnfk\u00f6pfige Familie aus Tschetschenien wurde am Montagmorgen, den 19. Mai 2014, aus ihrer Potsdamer Wohnung geholt und nach Polen abgeschoben. 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